Eine gute Erklärung – für etwas, das gar nicht feststand

Vor Kurzem habe ich mit einer KI über eine private Nachricht gesprochen. Ich brachte eine Angabe aus meiner Erinnerung ins Gespräch. Die KI übernahm sie und entwickelte daraus eine durchaus schlüssige Erklärung. Das klang alles nachvollziehbar. Nur hatte die Erklärung einen Haken: Die zugrunde gelegte Angabe war nicht am Original geprüft.

Als wir die Nachricht genauer betrachteten, musste die Geschichte korrigiert werden. Im Gespräch spielten außerdem Unklarheiten der Sprachtranskription eine Rolle. Wo genau welcher Fehler entstand, lässt sich daraus nicht sicher ableiten. Klar war aber: Eine unsichere Grundlage war zwischenzeitlich wie eine feststehende Tatsache behandelt worden.

Das hat mich beschäftigt. Über KI-Halluzinationen sprechen wir inzwischen häufig. Über die Geschichten, die wir selbst aus Erinnerungen, Erwartungen und einzelnen Beobachtungen zusammensetzen, sprechen wir deutlich seltener. Dabei ist gerade das für Beratung, Führung und Zusammenarbeit interessant.

Eine Erklärung kann in sich schlüssig sein und trotzdem auf einer falschen Voraussetzung beruhen.

Für mich steckt darin eine praktische Frage: Wie erkennen wir, was wir tatsächlich wissen, was wir ergänzen und was wir uns gerade erst vorstellen?

Halluzinieren Menschen genauso wie KI?

Der Vergleich ist anregend, braucht aber klare Begriffe. Eine Halluzination im medizinischen Sinn ist ein Wahrnehmungserlebnis ohne entsprechenden äußeren Reiz, etwa das Hören einer nicht vorhandenen Stimme. Eine fehlerhafte Erinnerung, ein vorschnelles Urteil oder ein Missverständnis ist deshalb nicht automatisch eine Halluzination. [1]

Bei KI-Halluzinationen geht es hier um überzeugend formulierte, aber falsche oder erfundene Angaben eines Sprachmodells. Das Wort beschreibt einen Fehler im Ergebnis. Es bedeutet nicht, dass das System etwas so erlebt wie ein Mensch. [5]

Auch die Frage „Wer halluziniert mehr?“ führt ohne vergleichbare Aufgaben und Messverfahren kaum weiter. Interessanter ist die gemeinsame Gefahr im Umgang mit den Ergebnissen: Wir können eine plausible Darstellung für einen Beleg halten. Der Weg dorthin ist bei menschlicher Erinnerung und maschineller Textgenerierung unterschiedlich.

Beim Menschen

„So habe ich das in Erinnerung.“

Eine persönliche Erinnerung kann überprüfbare Fehler enthalten, auch wenn sie sich stimmig anfühlt.

Bei der KI

„Hier ist die Erklärung.“

Ein flüssiger Text kann Details ergänzen, für die keine verlässliche Grundlage vorliegt.

Erinnerung ist keine gespeicherte Videoaufnahme

Aus meinen Psychologie-Seminaren

Ein Video. Eine Gruppe. Viele verschiedene Räume.

In meinen Psychologie-Seminaren schauen wir uns gemeinsam ein Video an. Anschließend stelle ich Fragen dazu. Eine davon klingt zunächst ganz einfach: „In was für einem Raum hat das Ganze stattgefunden?“

Nach meiner Erfahrung bekomme ich bei einer Gruppe von 20 Teilnehmern im Durchschnitt zwischen zehn und fünfzehn unterschiedliche Räume beschrieben. Alle haben dasselbe Video gesehen. Trotzdem entsteht im anschließenden Gespräch keineswegs ein einheitliches Bild.

20 Menschen schauen hin. Hinterher hören wir 10 bis 15 unterschiedliche Beschreibungen des Raumes.

Meine persönliche Beobachtung aus der Seminarpraxis – keine wissenschaftlich erhobene Quote.

Genau darüber kommen wir dann ins Gespräch: Was haben wir tatsächlich gesehen? Worauf haben wir geachtet? Und welche Einzelheiten haben wir möglicherweise ergänzt? Aus der Übung allein lässt sich nicht ablesen, wo jede einzelne Abweichung entstanden ist. Aber sie macht sehr anschaulich, warum „Ich habe es doch selbst gesehen“ ein guter Ausgangspunkt für eine Prüfung ist – und nicht automatisch deren Ende.

Wie Sprache die spätere Darstellung eines Ereignisses beeinflussen kann, zeigten Elizabeth Loftus und John Palmer bereits 1974. Versuchspersonen sahen Unfallfilme. Unterschiedlich formulierte Fragen führten zu unterschiedlichen Geschwindigkeitsschätzungen. Eine Woche später berichtete die Gruppe mit der stärkeren sprachlichen Formulierung häufiger von Glasscherben, obwohl im Film keine zu sehen waren. [2]

Das Experiment ist kein Beweis dafür, dass jede Erinnerung falsch ist. Es zeigt aber, warum wir bei wichtigen Details zwischen dem Ereignis, späteren Informationen und unserer heutigen Erinnerung unterscheiden sollten.

Für ein Gespräch macht das einen Unterschied: „Was wurde wörtlich vereinbart?“ öffnet eine andere Prüfung als „Warum hält sich der Kollege schon wieder nicht an die Vereinbarung?“ Die zweite Frage enthält bereits eine Bewertung, die erst noch belegt werden müsste.

Eine Frage aus meiner Seminarpraxis

Antwortest Du auf die Frage – oder auf das, was Du erwartest?

Ein zweites Beispiel nutze ich gern, um genau diesen Moment sichtbar zu machen. Lies die folgende Frage und halte Deine erste Antwort kurz im Kopf fest.

Kurz selbst ausprobieren

Wie viele Tiere von jeder Art nahm Moses mit auf die Arche?

Auflösung und meine Erfahrung ansehen

Die Falle steckt im Namen: Moses nahm keine Tiere mit auf die Arche. In der biblischen Erzählung ist es Noah. Für Moses lautet die Antwort auf diese Frage also: null.

Die spontane Antwort, die ich häufig höre, ist „zwei“. Der vertraute Zusammenhang von Tieren und Arche ist sofort da. Der falsche Name fällt dagegen kaum auf.

Nach meiner persönlichen Erfahrung bemerkt ungefähr ein Teilnehmer in vier bis fünf Schulungen mit jeweils etwa 20 Menschen diesen Haken. Das ist meine rückblickende Einschätzung aus den Veranstaltungen, keine systematische Auswertung.

Für mich liegt die Stärke dieser Übung darin, dass fehlendes Wissen nicht die einzige Erklärung ist. Man kann die Geschichte kennen und den Fehler trotzdem überhören. Es wirkt dann so, als hätte der Kopf die Frage stillschweigend passend gemacht: Wir antworten auf die vertraute Frage, die wir erwarten, statt ihren genauen Wortlaut zu prüfen.

In der Forschung heißt dieses Phänomen Moses-Illusion. Schon Erickson und Mattson untersuchten 1981 diese Frage. Sie gehört zu den sogenannten semantischen Illusionen: Ein Widerspruch in einer sinnhaft vertrauten Aussage wird übersehen. Das beschreibt den beobachteten Effekt; ein wörtliches „Löschen von Moses und Einsetzen von Noah“ im Gehirn ist damit nicht nachgewiesen. [7]

Fachwissen ist dabei wertvoll: Eine spätere Untersuchung fand, dass Menschen in ihrem eigenen Fachgebiet weniger anfällig waren. Es schützt also, macht uns aber nicht unfehlbar. [8]

Bevor Du eine Antwort bewertest, prüfe die Frage: Welche Voraussetzung steckt bereits darin?

Damit sind wir wieder bei der KI. Auch eine ausführliche Antwort kann an der entscheidenden Stelle vorbeigehen, wenn niemand die Ausgangsannahme prüft. Beim Menschen und bei der KI entstehen die Fehler auf unterschiedlichen Wegen. Die praktische Rückfrage hilft in beiden Fällen.

Generalisierung, Tilgung und Verzerrung im Alltag

In meinen Seminaren bespreche ich, wie Menschen Informationen auswählen, vereinfachen und deuten. Die Begriffe Generalisierung, Tilgung und Verzerrung helfen dabei als sprachliches Arbeitsmodell. Sie bezeichnen hier keine drei exakt abgrenzbaren Schalter im Gehirn und erklären auch nicht sämtliche Wahrnehmungsprozesse.

Generalisierung: Aus einem Erlebnis wird eine Regel

„Bei Veränderungen machen die Kollegen nie mit.“ Vielleicht gab es zwei schwierige Besprechungen. Das Wort „nie“ macht daraus eine allgemeine Aussage. Verallgemeinerungen erleichtern Orientierung; problematisch wird es, wenn wir Einzelfälle ungeprüft auf alle Situationen übertragen.

Die Forschung zu Heuristiken beschreibt, wie Menschen mit vereinfachenden Urteilsregeln arbeiten und dabei systematische Fehler machen können. Ein gut erinnerliches Beispiel ist etwa nicht automatisch repräsentativ für die ganze Gruppe. [3]

Hilfreiche Rückfrage: Auf welche konkreten Situationen beziehe ich mich – und welche Gegenbeispiele gibt es?

Tilgung: Ein entscheidender Teil fehlt

„Der Kunde hat nicht reagiert.“ Auf welche Nachricht? Über welchen Kanal? Bis wann? Und wissen wir überhaupt, ob sie angekommen ist? Der kurze Satz lässt vieles offen. Wer ihn hört, kann diese Lücken unbemerkt mit eigenen Annahmen füllen.

Tilgung meint in diesem Beispiel eine unvollständige sprachliche Darstellung. Daraus folgt nicht, dass das Gehirn die fehlenden Einzelheiten zuvor vollständig gespeichert und anschließend gelöscht hätte.

Hilfreiche Rückfrage: Welche Information fehlt mir, um die Aussage einordnen zu können?

Verzerrung: Eine Deutung wird zur vermeintlichen Tatsache

„Sie hat meine Idee abgelehnt, weil sie mich nicht leiden kann.“ Beobachtet wurde vielleicht ein Einwand. Die angenommene persönliche Abneigung ist eine zusätzliche Erklärung. Sie könnte zutreffen, sie könnte aber auch völlig danebenliegen.

Hilfreiche Rückfrage: Was habe ich tatsächlich beobachtet – und welche Bedeutung gebe ich dem gerade?

Die Beispiele sind bewusst einfach: „immer“, „niemand“ oder „ist doch klar“ sind gute Anlässe, noch einmal genauer nachzufragen.

Tunnelblick: Was außerhalb unseres Fokus liegt

Wenn Du Dich stark auf eine Aufgabe konzentrierst, kann Dir gleichzeitig etwas anderes entgehen. Die Forschung zur Unaufmerksamkeitsblindheit zeigt genau das: Menschen bemerken unter bestimmten Bedingungen selbst auffällige, unerwartete Ereignisse nicht, obwohl diese sichtbar sind. Bekannt wurde das durch die Untersuchungen von Daniel Simons und Christopher Chabris. [4]

Im Alltag sprechen wir dafür oft von einem Tunnelblick. Der Begriff ist weiter gefasst als das untersuchte Phänomen. Für die Beratung lässt sich daraus eine nützliche Frage ableiten: Worauf richte ich meine Aufmerksamkeit – und was könnte ich gerade übersehen?

Ein Beispiel: Du suchst in einer Gesprächsnotiz nach Anzeichen für fehlende Motivation. Vielleicht übersiehst Du dabei einen Hinweis auf eine unklare Aufgabe. Das ist ein übertragenes Praxisbeispiel, kein Ergebnis des Aufmerksamkeitsexperiments.

Eine Lupe richtet den Blick auf einen kleinen Ausschnitt einer Seite mit Skizzen
KI-generierte Illustration · Ein Ausschnitt kann deutlich werden, während der Zusammenhang aus dem Blick gerät.

Wie Mensch und KI eine falsche Annahme gemeinsam ausbauen können

Im Ausgangsgespräch wurde die KI gerade deshalb problematisch, weil sie eine ungeprüfte Voraussetzung übernahm. Darauf aufbauend lieferte sie mögliche Ursachen. Durch die ausführliche Erklärung wirkte die Voraussetzung anschließend noch belastbarer. Dabei war keine neue Bestätigung hinzugekommen.

Das lässt sich auf einen beruflichen Fall übertragen. Du schreibst: „Unser Team lehnt die neue Software ab. Erkläre mir die psychologischen Gründe.“ Vielleicht nennt die KI Kontrollverlust, Überforderung und Veränderungsangst. Das sind mögliche Hypothesen. Ob das Team die Software überhaupt ablehnt, ist damit noch nicht geklärt.

Sprachmodelle werden zunächst darauf trainiert, passende Textfortsetzungen vorherzusagen. Weitere Trainingsschritte und Werkzeuge sollen ihre Antworten nützlicher und verlässlicher machen. Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung zeigt dennoch einen wichtigen Fehlanreiz: Bewertungsverfahren können Raten belohnen, wenn eine ausgelassene Antwort keine Punkte erhält und eine falsche Antwort nicht stärker bestraft wird. Eine bestimmte Fehlerquote für jedes System oder jeden Anwendungsfall lässt sich daraus nicht ableiten. [5]

Erst die Voraussetzung prüfen

Bevor Du nach dem „Warum“ fragst, kläre das „Ob“: Was genau ist passiert? Welche Aussage stammt aus der Quelle? Was wurde nur vermutet?

Ein besserer Arbeitsauftrag im Softwarebeispiel wäre: „Prüfe anhand dieser anonymisierten Notizen, welche Reaktionen ausdrücklich beschrieben werden. Trenne Beobachtungen von möglichen Erklärungen. Benenne fehlende Informationen und formuliere offene Rückfragen.“ Auch diese Antwort muss anschließend am Ausgangsmaterial geprüft werden.

Ohne Vorstellungskraft entsteht nichts Neues

Bei aller berechtigten Kritik an erfundenen Fakten möchte ich einen Gedanken unbedingt festhalten: Wir brauchen die Fähigkeit, über das bereits Bekannte hinauszudenken. Ein neuer Lösungsweg steht nicht immer fertig in einer Quelle. Manchmal beginnt er mit einem „Was wäre, wenn …?“

Das ist etwas anderes als eine falsche Tatsachenbehauptung. Wer eine Idee entwirft, eine Hypothese bildet oder eine mögliche Zukunft durchspielt, macht zunächst ein Angebot zum Weiterdenken. Gerade dafür können auch KI-Systeme hilfreich sein: Varianten entwickeln, ungewohnte Fragen formulieren und Ansätze für eine spätere Prüfung liefern.

Beim Menschen gibt es zudem eine interessante Verbindung zwischen Erinnern und Vorstellen. Eine bildgebende Studie von Addis, Wong und Schacter fand sowohl gemeinsame als auch unterschiedliche Aktivierungsmuster beim Erinnern vergangener und beim Vorstellen zukünftiger Ereignisse. Das stützt einen Zusammenhang dieser Fähigkeiten, setzt Vorstellungskraft aber nicht mit einer klinischen Halluzination gleich. [6]

Wir dürfen Möglichkeiten erfinden. Wir sollten nur erkennen lassen, wann wir eine Möglichkeit beschreiben und wann eine belegte Tatsache.

Für persönliche Entwicklung muss eine Idee übrigens nicht weltweit neu sein. Eine andere Gesprächsführung, ein neuer Beruf oder ein ungewohnter Lernweg kann für Dich ein großer Schritt sein, obwohl andere ihn schon gegangen sind.

Drei Fragen für klarere Gespräche und bessere KI-Ergebnisse

Ich würde diesen Gedanken gern in möglichst viele Besprechungen mitnehmen. Nicht als zusätzliche Bürokratie, sondern als kurze Unterbrechung, bevor aus einer Vermutung eine Entscheidung wird.

Für das Softwarebeispiel heißt das: Belegt sind zunächst konkrete Rückmeldungen. Eine mögliche Ursache wäre eine unklare Zuständigkeit. Ein neuer Entwurf könnte eine kurze gemeinsame Übung mit dem Programm sein. Erst die Rückmeldung aus der Praxis zeigt, ob dieser Ansatz weiterhilft.

Besonders wertvoll finde ich dabei den Satz: „Das weiß ich noch nicht.“ Er lässt Platz für eine Rückfrage. Und er kann verhindern, dass eine KI-Antwort oder die Erinnerung eines Kollegen mehr Sicherheit vermittelt, als die Grundlage hergibt.

Drei Erwachsene vergleichen in einem Workshop Unterlagen mit einer Antwort am Laptop
KI-generierte Illustration · Gemeinsam prüfen, welche Aussage belegt ist und welche noch geklärt werden muss.

Eine konkrete Prüfroutine für KI-Texte findest Du im Beitrag „Klingt richtig – stimmt es auch?“. Wie sich Beobachtung und Deutung in persönlichen Gesprächen trennen lassen, behandelt der Artikel über Körpersprache im Gespräch.

Diese Fragen gehören in den Arbeitsalltag

Wer berät, führt oder Entscheidungen vorbereitet, arbeitet ständig mit unvollständigen Informationen. Deshalb gehören für mich KI-Kompetenz und bewusste Gesprächsführung zusammen. Wir sollten sowohl die Antworten eines Systems hinterfragen können als auch unsere eigenen Voraussetzungen.

In der Timmerherm Akademie knüpft das an „Künstliche Intelligenz im Arbeitsalltag“ und unsere Seminare zu Kommunikation und Beratung an. Mit konkreten Fällen lässt sich üben, offene Fragen zu stellen, Deutungen kenntlich zu machen und neue Ideen anschließend zu prüfen.

Sie möchten das Thema in Ihrem Unternehmen, Ihrer Einrichtung oder Ihrer Behörde aufgreifen? Schreiben Sie uns für einen Impulsvortrag oder ein passendes Inhouse-Seminar. Beschreiben Sie kurz, in welchen Situationen Ihr Team zwischen sicherem Wissen, Interpretation und KI-generierten Vorschlägen unterscheiden muss. Daran können wir gemeinsam ansetzen.

Quellen & Vertiefung

Fachliche Grundlagen

Recherche und Einordnung: 21. September 2026. Die Studien untersuchen unterschiedliche Aufgaben; sie erlauben keine pauschale Rangfolge, ob Menschen oder KI häufiger irren. Die Übertragung auf Beratung und Arbeitsalltag ist eine didaktische Einordnung.