Arbeitsmarkt · Psychologie · Künstliche Intelligenz
Eine Maschine hat kein Geschlecht. Unsere Wahrnehmung offenbar schon.
Als ich auf diese Studie gestoßen bin, musste ich erst einmal genauer hinschauen. Eine weiblich dargestellte KI-Assistenz bekommt weniger Geld als eine männlich dargestellte. Obwohl dahinter dieselbe Technik steckt. Das klingt zunächst nach einer zugespitzten Schlagzeile. Tatsächlich steckt ein Experiment dahinter, das mich ausgesprochen interessiert.
Es verbindet Fragen, die auch in meiner Arbeit zusammengehören: Wie beurteilen wir berufliche Leistung? Was lesen wir in das Erscheinungsbild eines Menschen hinein? Und was passiert mit diesen Erwartungen, wenn wir einer künstlichen Intelligenz ein Gesicht geben?
Bevor wir zu Johan und Johanna kommen, lohnt sich ein Blick auf den deutschen Arbeitsmarkt. Denn auch dort sollten wir genau unterscheiden, welche Unterschiede eine Zahl zeigt und welche Erklärung sie noch nicht liefert.
Mich interessiert an diesem Thema besonders: Nach welchen Kriterien bewerten wir eine Leistung – und welche Erwartungen bringen wir schon mit, bevor wir sie gesehen haben?
Gender Pay Gap in Deutschland: zwei Zahlen, zwei Blickwinkel
Für 2025 weist das Statistische Bundesamt einen unbereinigten Gender Pay Gap von 16 Prozent aus. Frauen erhielten durchschnittlich 22,81 Euro brutto pro Stunde, Männer 27,05 Euro. Das ist ein Vergleich der Stundenverdienste verschiedener Beschäftigtengruppen. Er bedeutet nicht, dass jede Frau für dieselbe konkrete Arbeit 16 Prozent weniger bekommt. [1]
Unbereinigt: Wie sieht der Arbeitsmarkt insgesamt aus?
Hier werden die durchschnittlichen Stundenverdienste ohne Anpassung gegenübergestellt. Unterschiede bei Berufen, Branchen, Positionen und Beschäftigungsumfang fließen mit ein. Der Wert macht auch strukturelle Unterschiede sichtbar.
Bereinigt: Was bleibt bei vergleichbaren Merkmalen?
Nach Berücksichtigung erfasster Merkmale wie Tätigkeit und Qualifikation bleiben für 2025 durchschnittlich sechs Prozent Abstand. Nicht alle lohnrelevanten Informationen liegen vor. Auch dieser Wert ist daher kein direkter Nachweis, dass ein bestimmter Arbeitgeber diskriminiert.
Beide Perspektiven helfen beim Hinschauen. Eine statistisch erklärbare Lücke ist nicht automatisch gesellschaftlich bedeutungslos. Wenn Menschen unterschiedlich oft Zugang zu gut bezahlten Aufgaben und Entwicklungsmöglichkeiten bekommen, ist auch das eine wichtige Frage.
Die Berufsbeispiele stammen aus dem Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit
Wie unterschiedlich die Abstände in einzelnen Berufswelten ausfallen
Für die folgenden Beispiele nutze ich die Bundesagentur für Arbeit. Der Entgeltatlas zeigt monatliche Bruttoentgelte sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigter als Median. Die eine Hälfte liegt darunter, die andere darüber. Er fasst ähnliche Tätigkeiten zu Berufsgattungen zusammen. Ein Berufsname führt deshalb nicht zu einer Statistik ausschließlich dieses einzelnen Berufs. [2]
Die Auswahl bezieht sich auf Deutschland und alle Altersgruppen. Die abrufbaren Seiten der Bundesagentur für Arbeit zeigen den Datenstand 2025; die IT-Zahlen stammen aus dem bereitgestellten Entgeltatlas-Ausschnitt ohne sichtbare Jahresangabe. Innerhalb jeder Zeile wird dieselbe Berufsgattung verglichen. Zwischen den Zeilen unterscheiden sich die Anforderungen, etwa Fachkraft und Spezialist in der Erziehung.
| Berufsbeispiel | Frauen | Männer | Abstand* |
|---|---|---|---|
| Anlagenmechanikerin und Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und KlimatechnikSanitär-, Heizungs- und Klimatechnik · Fachkraft | 3.474 € | 3.886 € | 412 €10,6 % |
| Kauffrau und Kaufmann für BüromanagementBüro- und Sekretariatskräfte ohne Spezialisierung · Fachkraft | 3.823 € | 4.621 € | 798 €17,3 % |
| IT-Systemberaterin und IT-SystemberaterIT-Systemberaterin und IT-Systemberater | 5.331 € | 6.000 € | 669 €11,2 % |
| Pflegefachfrau und Pflegefachmann in der AltenpflegeAltenpflege ohne Spezialisierung · Fachkraft | 4.410 € | 4.508 € | 98 €2,2 % |
| Erzieherinnen und ErzieherKinderbetreuung und -erziehung · Spezialist | 4.308 € | 4.350 € | 42 €1,0 % |
| Fachverkäuferin und Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk mit dem Schwerpunkt BäckereiVerkauf von Back- und Konditoreiwaren · Fachkraft | 2.458 € | 2.587 € | 129 €5,0 % |
* Eigene Berechnung: Männer-Median minus Frauen-Median; Prozentabstand bezogen auf den Männer-Median, auf eine Nachkommastelle gerundet. Diese deskriptiven Monatsmedian-Abstände sind kein bereinigter Gender Pay Gap und nicht unmittelbar mit dem bundesweiten Stundenverdienstabstand vergleichbar. Quellen: Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit [3].

Handwerk und Technik
Welchen Anteil haben Aufgaben, Arbeitgeber und Erfahrung am Verdienst? Eine Berufsbezeichnung allein beantwortet das noch nicht.
KI-generierte Illustration · fiktive Personen
Pflege und Betreuung
Auch bei kleinen Gruppenabständen lohnt der Blick auf konkrete Bedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten.
KI-generierte Illustration · fiktive Personen
Verkauf und Service
Beratung, Warenkenntnis und Organisation gehören zur Leistung. Welche Kriterien machen sie sichtbar?
KI-generierte Illustration · fiktive PersonenBesonders ins Auge fällt hier das Büro: 798 Euro liegen zwischen den beiden Medianen. In der Erziehung sind es 42 Euro. Ein großer Abstand verdient Aufmerksamkeit; ein kleinerer Abstand beantwortet noch nicht alle Fragen nach fairen Chancen.
Gleiche Berufsgattung bedeutet noch nicht identische Arbeitssituation.
Auch innerhalb einer Gruppe können sich Berufserfahrung, Arbeitgeber, Region, Tarifbindung und konkrete Aufgaben unterscheiden. Vollzeit bedeutet zudem nicht überall dieselbe Wochenstundenzahl. Die Zahlen zeigen, wo sich genaueres Nachfragen lohnt. Die Ursache einer einzelnen Lücke erklären sie nicht.
Für Berufskunde und Beratung ist das wichtig: Wir sollten Menschen weder mit einer pauschalen Gehaltszahl abspeisen noch ihnen aus einem Gruppenwert eine persönliche Benachteiligung ableiten. Hilfreich wird der Vergleich, wenn wir anschließend die tatsächliche Stelle und ihre Bedingungen betrachten.

Ein überraschendes Experiment aus dem Oktober 2026
Johan und Johanna: dieselbe Technik, unterschiedliche Geldverteilung
Forschende aus Zürich, Limerick und der SKEMA Business School untersuchten, wie die Gestaltung digitaler Assistenzen unsere Zusammenarbeit mit ihnen beeinflusst. An dem kontrollierten Versuch nahmen 189 Personen teil. Sie bearbeiteten Arbeitsaufgaben in einem virtuellen Büro und bewerteten die Assistenzen. Zusätzlich wurden 34 Personen interviewt. [4]
Die Systeme hatten dieselben zugrunde liegenden Fähigkeiten, wurden aber unterschiedlich dargestellt. Unter anderem gab es die menschenähnlichen Varianten Johan und Johanna. Nach der Arbeit sollten die Teilnehmenden echtes Geld zwischen sich selbst und der KI-Assistenz aufteilen. Laut der Mitteilung der Universität Limerick erhielt Johanna 10,25 Prozent weniger als Johan. [5]
weniger zugeteiltes Geld für die weiblich dargestellte Assistenz – bei derselben zugrunde liegenden Technik.
Geldverteilung im Versuch, kein reguläres KI-Gehalt.Genau das finde ich bemerkenswert. Die Teilnehmenden entschieden darüber, welchen Anteil sie der Unterstützung zuschrieben. Die KI führte keine Gehaltsverhandlung und hatte keine Erwerbsbiografie. Trotzdem wurde ihre Darstellung für die Bewertung relevant.
Wir sollten daraus keine allgemeine Gehaltsregel für weibliche KI ableiten. Untersucht wurden konkrete Gestaltungen in einer bestimmten VR-Umgebung. Wie genau Geschlechtsdarstellung, Menschenähnlichkeit und weitere Merkmale zusammenspielten, ist damit nicht abschließend geklärt.
„Das Geschlecht spielt für mich keine Rolle.“ Wirklich?
Der Zürcher Mitautor Thomas Fritz beschreibt im Interview einen besonders interessanten Widerspruch: Die meisten interviewten Personen erklärten, dass das Geschlecht für sie unwichtig sei. Das Verhalten im Versuch zeigte dennoch Unterschiede. Die männlich dargestellte Assistenz wurde auch als menschenähnlicher wahrgenommen. Die Forschenden vermuten einen blinden Fleck, können den Ursprung des Unterschieds aber nicht eindeutig bestimmen. [6]
Für mich ist das ein guter Anlass, die eigene Wahrnehmung zu prüfen. Ein Name, eine Stimme oder ein Gesicht können Erwartungen auslösen. Wir sehen eine Darstellung und verbinden damit vielleicht Vorstellungen von Kompetenz, Hilfsbereitschaft oder Autorität. Ob solche Vorstellungen gerade unser Urteil beeinflussen, merken wir nicht unbedingt.
Eine gute Absicht ersetzt noch keine Prüfung der eigenen Bewertungsmaßstäbe.
Das Experiment zeigt hier menschliche Bewertungen einer KI. Es untersucht nicht, ob ein Algorithmus selbst diskriminierende Gehaltsentscheidungen trifft. Beides gehört zur Debatte über KI und Vorurteile, aber es sind unterschiedliche Fragen.
Eine Frage für das nächste Teamgespräch
Stell Dir zwei Arbeitsproben vor: gleicher Auftrag, gleiche Qualität, gleiche termingerechte Abgabe. Einmal steht ein weiblich gelesener Name darunter, einmal ein männlich gelesener. Würdest Du beide mit denselben Worten beschreiben? Oder wäre die eine Person „hilfsbereit“ und die andere „durchsetzungsstark“?
Das ist eine von mir entwickelte Diskussionsfrage, kein weiterer Studienbefund. Sie macht aber einen sinnvollen Prüfschritt greifbar: Welche Beobachtung belegt unser Urteil über eine Leistung?
Was wurde tatsächlich geleistet?
Beschreibe Ergebnis, Qualität, Verantwortung und Aufwand möglichst konkret. Trenne das von Sympathie und Auftreten.
Würden dieselben Kriterien für eine andere Person gelten?
Prüfe, ob Du vergleichbare Leistungen gleich benennst und gleich gewichtest. Auch bei digitalen Assistenzen lohnt sich diese Frage.
Was müsste ich noch wissen, bevor ich entscheide?
Eine Verdienststatistik, ein Eindruck und eine tatsächliche Gehaltsentscheidung sind verschiedene Ebenen. Fehlende Informationen sollten sichtbar bleiben.
In meinen Seminaren „Bildungs- und Berufskunde“ und „Digitalisierung in der Berufswelt“ passen diese Fragen unmittelbar zu beruflichen Perspektiven und veränderten Arbeitsaufgaben. Im Seminar „Künstliche Intelligenz im Arbeitsalltag“ lässt sich ergänzend besprechen, wie Teams KI-Ergebnisse und digitale Unterstützung nachvollziehbar beurteilen.
Die Technik entwickelt sich weiter. Unsere Maßstäbe sollten es auch.
Mich interessiert an Johan und Johanna vor allem, wie vertraute Bewertungsmuster in einer neuen Umgebung auftauchen können. Wenn wir KI einsetzen, bringen wir unsere Erwartungen mit. Ein modernes System nimmt uns die Verantwortung für eine faire Beurteilung nicht ab.
Deshalb möchte ich über dieses Thema sprechen: mit Menschen, die beraten, Teams führen, berufliche Wege begleiten oder neue Technologien einsetzen. Wir müssen dafür keine fertige Erklärung für jeden Verdienstunterschied haben. Aber wir sollten bereit sein, unsere Kriterien offenzulegen und unsere ersten Eindrücke zu hinterfragen.
Zum Weiterlesen: Menschliche Wahrnehmung und KI im Vergleich sowie KI-Antworten im Arbeitsalltag prüfen.
Quellen & Einordnung
Fachliche Grundlagen und Daten
- [1] Destatis (16.12.2025): Gender Pay Gap 2025 unverändert bei 16 % – unbereinigter und bereinigter Stundenverdienstabstand
- [2] Bundesagentur für Arbeit: Hilfe zum Entgeltatlas – Median, Berufsgattungen, Geschlecht und Aussagegrenzen
- [3a] Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit 2025: Anlagenmechanikerin und Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik
- [3b] Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit: Kauffrau und Kaufmann für Büromanagement; geprüfte Berufsgattung auch unter Bürokauffrau und Bürokaufmann (7869)
- [3c] Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit: IT-Systemberaterin und IT-Systemberater – Werte aus dem bereitgestellten Seitenausschnitt der Bundesagentur für Arbeit, Deutschland · Gesamt
- [3d] Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit 2025: Altenpflege ohne Spezialisierung · Fachkraft
- [3e] Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit: Erziehung; geprüfte Berufsgattung auch unter Erzieherin und Erzieher (9162)
- [3f] Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit: Fachverkäuferin und Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk mit dem Schwerpunkt Bäckerei; geprüfte Berufsgattung auch unter Gewerbegehilfin und Gewerbegehilfe im Konditorhandwerk (35131)
- [4] Cuber et al. (2026): Human-Like and Male? How AI Assistant Design Relates to Trust and Monetary Reward at Work in VR – Publikationseintrag und Abstract
- Originalveröffentlichung bei ACM · DOI 10.1145/3829807.3829910
- [5] University of Limerick (05.10.2026): Mitteilung zur Studie und zum berichteten Abstand von 10,25 %
- [6] Universität Zürich (08.10.2026): Mehr Lohn für männliche KI-Assistenten – Interview mit Mitautor Thomas Fritz
Recherche: 13. Oktober 2026. Die Berufsmediane wurden anhand offizieller Seiten der Bundesagentur für Arbeit und bereitgestellter Entgeltatlas-Ausschnitte geprüft. Der bereitgestellte IT-Ausschnitt zeigt keine Jahresangabe; dieser Datensatz konnte nicht unabhängig vollständig nachgeladen werden. Die Prozentabstände der Berufstabelle sind eigene Rechnungen. Zum KI-Experiment waren der Publikationseintrag mit Abstract und Mitteilungen der beteiligten Universitäten zugänglich; der vollständige ACM-Text war nicht abrufbar. Die Zahl 10,25 % wird deshalb ausdrücklich der Limericker Mitteilung zugeordnet. Gesprächsfragen und Praxisanregungen sind eigene didaktische Ausarbeitungen.

